Pressekonferenz - Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich: Kinderliga fordert Bundeskinderbeirat

Pressekonferenz - Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich: Kinderliga fordert Bundeskinderbeirat

Am 10.10.2017 stellten Dr. Christoph Hackspiel, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga) und sein Team den aktuellen jährlichen Bericht zur Lage der Kinder-und Jugendgesundheit in Österreich vor, zu dem zahlreiche ExpertInnen der knapp 100 Mitgliederorganisationen ihren Beitrag leisteten. Auch wenn viele Forderungen der Kinderliga der letzten Jahre nach wie vor aufrecht sind, ortet Hackspiel doch eine tendenziell positive Entwicklung im Stellenwert, den die Kinder- und Jugendgesundheit in Österreichs Gesundheitspolitik bekommt. Das zeigt sich in der Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen (BMGF) und an der „Strategie 2020 zur Kinder- und Jugendgesundheit“ des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger (HVSV). Dahinter stehen viele Jahre gemeinsamer Bemühungen der Kinderliga mit weiteren engagierten Playern in der Gesundheitslandschaft. Auch der von der Kinderliga bereits im Jahresbericht 2015 geprägte Begriff der Chancengerechtigkeit scheint in der Politik angekommen zu sein. BM Dr.in Pamela Rendi-Wagner hat sich konkret für Chancengerechtigkeit, gleiche Bedingungen und verbindliche Grundlagen in allen Bundesländern bis 2020/2021 für alle Kinder und Jugendliche ausgesprochen. Trotz dieser tendenziell positiven Entwicklung hat die Kinderliga ganz konkrete Forderungen an die neue Regierung, die Hackspiel gemeinsam mit dem Jahresbericht präsentiert.

Wunsch der Kinderliga: Kinderministerium - realpolitische Forderung: Bundeskinderbeirat

In Österreich leben rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche1 , d.s. rund 20% der Bevölkerung. Obwohl bekannt ist, dass frühe Investitionen sich in einem besseren körperlichen und seelischen Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen auswirken, erhalten Kinder nach wie vor nur ca. 6% der Gesundheitsaufwendungen und rangiert damit europaweit im hinteren Feld. „Es ist eigentlich eine Zumutung, dass eine so große und für die Zukunft Österreichs relevante Bevölkerungsgruppe keine Interessensvertretung hat! Unser Wunsch an die kommende Regierung wäre ein eigenes Ministerium für Kinder und Jugend - unsere realpolitische rasch umsetzbare Forderung ist ein Bundeskinderbeirat. So etwas gibt es für Senioren ja auch“, lautet Hackspiels klarer Appell. Gesundheit als Prozess ist beeinfluss- und veränderbar, Risiko-und Schutzfaktoren, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und politische Entscheidungen haben deutlichen Einfluss auf diesen Prozess. Es liegt an den Erwachsenen – und hier sieht die Kinderliga ihre vordringliche Aufgabe - positiv auf diesen Prozess einzuwirken. Kinder und Jugendliche haben aus finanziellen, politischen, aber auch entwicklungsbedingten Gründen noch nicht die Möglichkeiten,dies selbst zu tun. Der Ligapräsident nennt jene Themenfelder, in denen die Kinderliga seit Jahren Handlungsbedarf sieht, und ein Bundeskinderbeirat tätig werden soll. Dieses Gremium sollte sich aus parteipolitisch unabhängigen ExpertInnen zusammensetzen sowie aus Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre, die die besten  ExpertInnen sind, wenn es um ihre Interessen und Bedürfnisse geht. Die Kinderliga fordert einmal mehr:

  • Aussagekräftige Datenlage zur Kinder- und Jugendgesundheit
  • Prävention und Gesundheitsförderung
  • Berufsübergreifende, interdisziplinäre Netzwerkarbeit
  • Stärkung der Elternschaft
  • Ausreichendes, kostenfreies diagnostisch-therapeutisches Angebot
  • Qualitätssicherung
  • Health-in-All-Policies2

Als besonderes Anliegen nennt Hackspiel darüber hinaus mehr qualitative Zeit in Kinderbetreuung und Schulen. Dafür müssen dringend die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Österreich besorgniserregend: „Seelische Gesundheit“ ist Jahresthema der Kinderliga

Neben den in der Öffentlichkeit wahr genommenen Kindergesundheitsthemen gibt es einen wesentlichen Bereich, dessen Bedeutung gerne verdrängt wird: die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, deren Zustand vermehrt Anlass zur Besorgnis gibt. Bindungsstörungen, depressive Verstimmungen, fehlende Impulskontrollen, Angststörungen, Essstörungen, Rückzug in virtuelle und nicht selten viel zu früh in pornografische Welten, Zwangsstörungen, psychosomatische Erkrankungen nehmen nicht nur deutlich zu, es sind vor allem immer mehr Minderjährige davon betroffen. Legt man Ergebnisse internationaler Studien auf Österreich um, kann davon ausgegangen werden, dass zumindest 170.000 Kinder und Jugendliche deutlich psychisch erkrankt sind, sodass sie eine unmittelbar Diagnostik und Behandlung bräuchten. Obwohl mehr als die Hälfte der Betroffenen eine Behandlung dringend wünscht, erhalten nur 36.000 dieser Patienten auch eine medizinische und/oder therapeutische Versorgung. Ursache dafür sind nicht nur der Mangel an kassenfinanzierten Therapieplätzen und Kinder- und Jugendpsychiatrien, sondern es werden nach wie vor viele Symptome nicht erkannt, bagatellisiert oder verheimlicht und überfordern nicht nur die Kinder und Jugendlichen sondern auch deren Umfeld. „Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen und verständliche, konkrete Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche sind wichtige nächste Schritte zur Verbesserung der Situation in Österreich“, erklärt Mag.a Hedwig Wölfl, Psychologin und Vizepräsidentin der Kinderliga. Die Kinderliga hat diesen Umstand zum Anlass genommen, den Jahresthemenschwerpunkt der seelischen Gesundheit zu widmen.

Für die seelische Gesundheit von Kindern sind einerseits die psychische Gesundheit ihrer Umgebung, also in erster Linie die ihrer Eltern oder anderer naher Bezugspersonen, und andererseits ihre eigene psychische Befindlichkeit ausschlaggebend. Beides ist im Sinne einer psychisch gesunden Entwicklung im Auge zu behalten und bedingt sich wechselseitig. Für einen besseren Blick auf die Entwicklung psychischen Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen fordert die Kinderliga die Umsetzung von Kindergesundheitszielen quer durch alle politischen Ressorts und Lebensbereiche. Nur wenn wir Kinder und ihre Eltern dort erreichen, wo ihr Lebensalltag stattfindet und beispielsweise auch im pädagogischen Alltag umfassende Gesundheitsversorgung integriert ist, können Kinder auch stressfrei und damit gemäß psychischer Gesundheitsstandards versorgt werden. 

Risikofaktoren für psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen

Die im Frühjahr 2017 in Österreich präsentierte MHAT-Studie3 teilt die Risikofaktoren für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in drei Kategorien:

  1. Soziodemografische Risikofaktoren: hierzu zählen Kinder und Jugendliche ohne erwachsene Bezugsperson, von alleinerziehenden Eltern und mit niedrigem soziökonomischen Status.
  2. Gesundheitsbezogene Risikofaktoren: z.B. diagnostizierte psychische Erkrankungen in den Familien der Kinder und Jugendlichen, traumatisierende Ereignisse u.a. Missbrauch oder/und Gewalt, Tod einer nahestehenden Bezugsperson oder chronische physische Erkrankungen
  3. Andere Risikofaktoren, wie eine instabile Elternbeziehung oder Erfahrungen mit Mobbing.

Diese repräsentative Studie wurde mit 3615 Jugendlichen im Alter von zehn bis 18 durchgeführt. Alarmierendes Ergebnis der Studie ist, dass 37,95% der Buben und 34,41% der Mädchen angaben, bis dato an einer psychischen Problematik gelitten zu haben. Dabei gibt es klare geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Symptomatik und Diagnosen. So werden Aufmerksamkeitsdefizite bei Buben dreimal so häufig wie bei Mädchen genannt; Verhaltensauffälligkeiten, aggressives und dissoziales Verhalten sogar sechs Mal häufiger. Im Gegensatz dazu berichteten Mädchen zweimal so oft von Angststörungen und viermal so häufig von posttraumatischen oder stressbedingten Belastungsstörungen. Essstörungen wurden acht Mal häufiger von Mädchen im Vergleich zu Buben berichtet.

Dramatischer Mangel an kassenfinanzierter Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher

Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Es fehlt in Österreich jedoch an den notwendigen Behandlungsmöglichkeiten. Diagnostische und therapeutische Leistungen werden nicht in ausreichender Weise von den Kassen übernommen. Es wird zumeist nur ein kleiner Teil der Behandlungskosten von den Krankenkassen finanziert. Hier sieht die Kinderliga eine Ungleichbehandlung von psychisch kranken Minderjährigen im Vergleich zu somatisch kranken Minderjährigen.Für die Psychotherapie Minderjähriger gibt es deutlich zu wenige durch die Kassen vollfinanzierte Behandlungsplätze. Psychotherapie mit Selbstbehalt können sich speziell einkommensschwache Familien nicht leisten.„Indizierte Therapien müssen zum Großteil durch die betroffenen Familien selbst finanziert werden. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gab es in den letzten zehn Jahren eine Steigerung der FachärztInnen mit Kassenverträgen von Null auf 26,5 Ordinationen. Für ganz Österreich wäre aber eine Zahl von 100 Kassenverträgen notwendig, um die Vorgaben des österreichischen Strukturplanes Gesundheit zu erfüllen“, so Dr. Christian Kienbacher, Kinder- und Jugendpsychiater und Vorstandsmitglied der Kinderliga.

Für die Akutbehandlung und die stationäre Behandlung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher bräuchte es ein Krankenhausbett auf 10.000 Einwohner. Davon ist man in Österreich in den meisten Regionen noch weit entfernt. Es fehlen ca. zwei Drittel der benötigten stationären Kapazitäten. Als dritte Säule in der Behandlung psychisch kranker Minderjähriger braucht es, wie im Österreichischen Strukturplan Gesundheit niedergeschrieben, ein multiprofessionell besetztes Ambulatorium auf 250.000 Einwohner, auch davon ist mein leider in unserem Land weit entfernt und viele der bestehenden Ambulatorien sind leider auch nicht ausreichend durch die Krankenkassen  finanziert und müssen durch Spendengelder unterstützt werden, damit die dortige Behandlung für die Patienten frei von Selbstbehalt ist. Eine weitere Problematik sieht die Kinderliga im Übergang von der Kinder- und Jugendmedizin zur Erwachsenenmedizin, die sich nicht nur im somatischen sondern auch im psychischen Gesundheitsbereich zeigt. 

Neue Umfrage: Auswirkung psychischer Gewalt an Kindern auf deren Psyche wird unterschätzt Neuere Daten zur körperlichen aber auch psychischen Gewalt an Kindern liefern die MÖWE Kinderschutzzentren. Laut einer aktuellen Umfrage4 wird Gewalt an Kindern in Österreich primär mit körperlicher Gewaltanwendung und Schlägen assoziiert. Die negativen Auswirkungen von psychischer Gewalt werden immer noch von vielen Befragten unterschätzt: Nur 26% beurteilen das Szenario „Eltern sprechen zur Strafe länger nicht mehr mit ihrem achtjährigen Kind“ eindeutig als Gewalt. „Kommunikationsverweigerung in Form des Anschweigens kann langfristig ebenso negative Auswirkungen auf Kinder haben wie körperliche Gewalt“, weiß Wölfl. Dr. Sabine Völkl-Kernstock, klinische Psychologin an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien und Mitautorin des Ligaberichts, ergänzt: „Das Erleben und Erfahren von jeglicher Gewalt in der Kindheit bedeutet zumeist eine nachhaltige psychische Beeinträchtigung, die auch das spätere Erwachsenenleben beeinflusst. Gewalterfahrungen ziehen nachweislich starke negative Auswirkungen auf die Entwicklung, Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendliche über ihre gesamte Lebensspanne nach sich.“

Faktoren für die psychische Belastung von Kindern: neues Phänomen emotionale Vernachlässigung

„Wir erleben in einer Gesellschaft, die von einem immer rascher werdenden Alltagstempo geprägt ist, bei den Eltern zunehmende Verunsicherung im Umgang mit ihren Kindern“, erklärt Wöfl. Laut der Vizepräsidentin der Kinderliga gibt es nicht mehr die eine richtige Antwort auf Erziehungsfragen und Belastungen, sondern hier gilt es, alters- und entwicklungsgemäße und individuell passgenaue Hilfestellungen zu finden. Dies fordert nicht nur Eltern und PädagogInnen, sondern auch die gesamte psychosoziale Versorgungslandschaft.

Auch die erschreckende Zunahme der emotionalen Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen hat negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Kinder. Emotionale Vernachlässigung bedeutet, dass Eltern und andere Bezugspersonen keine Zeit und kein Interesse für Kinder und ihre Sorgen aufbringen. Sie ist als eine besondere Form der Vernachlässigung zu sehen, die ähnlich wie psychische Gewalt oft mit Selbstwertverlust, unsicherer Bindung, depressiven- und Angstzuständen und schlechtem Befinden einhergeht, und daher besondere Beachtung fordert. Ihre aktuellsten Erscheinungsformen werden durch die Distanzierung und oftmals auch Entpersonalisierung der Kommunikation mittels Social Media noch zugespitzt. Diese „Verarmung der Beziehungen“ ist sowohl Familien in materieller Absicherung und Wohlstand zu beobachten ist als auch bei Familien, die in Armut oder Armutsgefährdung leben.

Einer großen Belastung sind Kinder ausgesetzt, die mit psychisch kranken Bezugspersonen aufwachsen, die aufgrund dieser Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, adäquat und entwicklungsfördernd für ihre Kinder da zu sein. Kinder, die ihre psychisch kranken Angehörigen pflegen, sind schon früh mit Sorgen und einer Mitverantwortung für das Funktionieren des Alltags konfrontiert. Es gilt diese – oft verborgene – Gruppe von Kindern so zu unterstützen, dass sie ihre eigenen Entwicklungsanforderungen nicht dauerhaft den Pflegeanforderungen hintanstellen.

In Bezug auf das Thema Trennung/Scheidung zeigen sich ganz unterschiedliche Formen des Umgangs, auch wenn die Tabuisierung und gesellschaftliche Ächtung einer Normalisierung gewichen ist. Die Kinder und Jugendlichen sind unterschiedlich betroffen: Das reicht von Rosenkriegen, in denen die kindlichen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben, bis hin zu wechselhaften Patch-WorkSituationen, wo sich Kinder in dynamischen Beziehungsgeflechten zurecht finden müssen. Es entstehen für Kinder belastende Situationen, die oftmals bagatellisiert werden. Andererseits kommt es auch vor, dass erst durch Problematisierung diese Belastungssituationen hervorgerufen werden.

Kinderliga fordert verstärkte Investitionen in körperliche und seelische Gesundheit der Kinder

Abschließend fordert Hackspiel gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die es erlauben, in Familien und Nahräumen mehr Gewicht auf qualitativ wertvolle Zeit, kindgerechte Erfahrungswelten und gleiche Entwicklungschancen für alle zu legen. Besonders Augenmerk gilt jenen Kindern und Jugendlichen, die durch mangelnde Schulbildung Ausgrenzung erleben, weniger Lebensperspektiven haben und im Selbstwert geschwächt sind. „Die Kinderliga wird auch in Zukunft nicht müde sein, Kindern, Jugendlichen und wenn immer möglich auch deren Familien eine Stimme zu geben. Für ein kinder- und Familienfreundliches Österreich, für deutlich verstärkte Investitionen in eine umfassende und damit körperliche, geistige, soziale und seelische Gesundheit von Kindern. Die Energiereserven in Österreich liegen weniger in den Bodenschätzen, als in den Talenten und Potentialen unserer Kinder“, schließt Hackspiel und formuliert nochmals die Forderung nach einem gesetzlich verankerten Bundeskinderbeirat.

 

1 Statistik Austria, www.statistik.at

2 Vgl. Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2017, S.11-24 Risikofaktoren für psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen

3Mental Health in Austrian Teenagers, Wagner et al 2017

4 Bewusstsein und Einstellungen der ÖsterreicherInnen zum Thema Gewalt und Missbrauch an Kindern, 2016. www.die-moewe.at

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